Die Entwicklung unseres Viertels Haidhausen, erzählt aus der Perspektive einer langjährigen Gastgeberschaft

The story of our neighbourhood, Haidhausen — told from the perspective of years spent in hospitality

Anekdoten und  Geschichten des ehemaligen Wirtes des Preysinggartens in Haidhausen. 

Keine Verbindung zum heutigen Betrieb.

 

Anecdotes and stories from the former landlord of the Preysing-Garten in Haidhausen. 

No connection to the current establishment.

Ankunft in Haidhausen und das Kytaro

Herbst 1989. Ich komme aus Athen nach Haidhausen. Die Mauer ist gerade gefallen, und ganz Deutschland ist damit beschäftigt, wie die Deutschen mit den Deutschen umgehen sollen. Ich kam in einem WG-Zimmer am Bordeauxplatz unter.

Einen Tag später stehe ich im Kytaro zur Probearbeit. Das Kytaro lag auf der Inneren Wiener Straße, dem Eingang des Hofbräukellers gegenüber. Das Haus wirkte damals ziemlich ruinenhaft, aber drinnen war es voll, laut und lebendig.

Autumn 1989. I arrive in Haidhausen from Athens. 

The Wall has just come down, and all of Germany is preoccupied with the question of how Germans should deal with Germans. I moved into a room in a shared flat on Bordeauxplatz. One day later, I'm standing in the Kytaro for a trial shift. 

The Kytaro was on Innere Wiener Straße, directly across from the entrance to the Hofbräukeller. The building looked pretty run-down back then, but inside it was packed, loud, and alive.

Im Kytaro traf sich die Schickeria Münchens mit anderen Schönen, Reichen und Intellektuellen. Wein aus zwei Liter großen Flaschen, Ouzo und Champagner gaben den Ton an, begleitet von frenetischen Soli von Lefteris, dem Bouzouki-Virtuosen. Die Abende wurden lang. Es wurde gefeiert, getanzt und diskutiert.


Die Gäste kamen aus allen möglichen Richtungen: aus Politik, Wirtschaft, Bau, Mode, Sport und Film. Dazu viele 68er aus dem Viertel, die hier einen Ort ganz nach ihrem Gusto gefunden hatten. Die Partys endeten oft im Nachtcafé oder im P1.


Für die Haidhausener im Johannis-Café. Darauf komme ich später zurück.
Direkt daneben gab es die Crêperie Bernard-Bernard. Sie wirkte wie ein Ausgleich: ruhiger, geordneter, ein Ort für die Leute, die auf ihren Tisch im Kytaro warteten oder kurz Luft holen wollten.
Das zuverlässige Wiener-Platz-Café ergänzte diesen gastronomischen Mikrokosmos. Tagsüber Café, abends Treffpunkt. Ein Ort vor oder nach dem Kytaro. Ein Ort, an dem man Gesichter wiedererkannte und Gespräche fortsetzte. Ein großer Teil der Gäste des Cafés kam aus dem Pool des Kytaro.

Es war in der Tat ein Mikrokosmos, ein Stück Schwabing in Haidhausen. Denn über die östliche Seite der Inneren Wiener Straße erstreckte sich ein Viertel, dessen Einwohner alteingesessene Haidhausener waren: Gastarbeiter, Studenten, Künstler, Handwerker, gestrandete Meta-Hippies etc.
Nun, bevor ich die Haidhausener Landschaft beschreibe, ein kurzer Rückblick auf zwei andere Größen Haidhausens, die nur wenige Jahre zurücklagen.

The Kytaro was where Munich's Schickeria rubbed shoulders with the beautiful, the wealthy, and the intellectual. Two-litre bottles of wine, ouzo, and champagne set the tone, driven along by the frenzied solos of Lefteris, the bouzouki virtuoso. The evenings ran late. People celebrated, danced, and argued.

The guests came from every conceivable world: politics, business, construction, fashion, sport, and film. And plenty of '68ers from the neighbourhood, who had found here a place entirely to their taste. The parties often wound up at the Nachtcafé or the P1.

For the locals, at the Johannis-Café. I'll come back to that. Right next door was the Crêperie Bernard-Bernard. It felt like a counterweight: quieter, more orderly, a place for people waiting for their table at the Kytaro or simply needing to catch their breath. The dependable Wiener-Platz-Café rounded out this gastronomic microcosm. A café by day, a meeting point by night. Somewhere to go before or after the Kytaro. A place where you recognised faces and picked up conversations where you'd left them off. A large share of its regulars came straight from the Kytaro crowd.

It was, in every sense, a microcosm — a piece of Schwabing transplanted into Haidhausen. Because stretching across the eastern side of Innere Wiener Straße lay a neighbourhood whose residents were the bedrock of old Haidhausen: migrant workers, students, artists, craftsmen, stranded meta-hippies, and the like. But before I sketch out the Haidhausen of those days, a brief look back at two other figures of the neighbourhood — both from just a few years earlier.

In den Räumen des heutigen Paros war ein Club für amerikanische Soldaten untergebracht. Rechts des Eingangs spielte eine afroamerikanische Band frenetischen Jazz und Swing. Soldaten, Prostituierte und Menschen in skurrilen Kostümen tanzten durcheinander. Blauer Rauch, Enge und Ekstase erzeugten beim Betreten des Raumes das Gefühl, mitten in einem Musical der frühen Achtziger gelandet zu sein.

The premises now occupied by the Paros once housed a club for American soldiers. To the right of the entrance, an African American band played frenzied jazz and swing. Soldiers, prostitutes, and people in outlandish costumes danced together in no particular order. Blue smoke, the press of bodies, and a kind of collective ecstasy gave you, the moment you walked in, the feeling of having stumbled into a musical from the early eighties.

Ein paar Schritte weiter, Richtung Wörthstraße, links neben dem heutigen, geschlossenen Inder, hauste der Blaue Engel.

Der Chef, auf einem niedrigen Podest stehend, bediente zwei Projektoren, mit denen er 8-mm-Bänder mit überwiegend erotischem Inhalt auf die Wände projizierte, und schrie ins Mikrofon:
DAS HIER IST DER BLAUE ENGEEEEEEL!!!!!!‘
Die Bedienungen tanzten ohne den oberen Teil des Dirndls und ohne BH auf den Tischen. Gespielt wurde bayerische Volksmusik und Swing. 

 

In Kürze geht es an dieser Stelle weiter mit dem Johannis Cafe...

A few steps further, heading towards Wörthstraße, just to the left of what is now a closed Indian restaurant, the Blaue Engel held court.

The owner, perched on a low platform, worked two projectors, beaming 8mm reels — mostly erotic in nature — onto the walls, and bellowed into the microphone: 'THIS IS THE BLAUE ENGEEEEEL!!!!!' The waitresses danced on the tabletops, stripped to the waist, no dirndl tops, no bras. The music was Bavarian folk and swing.

More on this spot soon — next up: the Johannis-Café...

Johannis Cafe 

Das Johannis Café ist seit vielen Jahren eine feste Konstante im Viertel, die verlässlichste.

An der Wand des Johannis Cafés hängt ein großes Gemälde des Wirts. Er ist darauf wie

ein König dargestellt. Wer das Café regelmäßig besucht, erkennt darin eine Selbstverständnis.

Wenn im Johannis Café von „Olafs Krönung“ die Rede ist, meint man die

selbstironische Mythologie des Hauses. Olaf Schmidt wird als „König“ seiner Bar

erzählt, nicht gekrönt. Das Bildmotiv – ein großflächiges Porträt in königlicher Pose –

verdichtet diese Erzählung zu einem wiedererkennbaren Zeichen. Mit einem

Augenzwinkern ruft es zugleich Wirtshaus-Originalität und bairische Geschichte auf.

Olaf verkörpert dabei vor allem Authentizität. Genau diese Echtheit macht ihn, ganz ohne

Zeremonie, für viele zum tatsächlichen Souverän eines Ortes, der seine unverwechselbare

Stimmung bewahrt hat. Die „Krönung“ ist weniger ein Ereignis als ein dauerhafter

Kommentar zur Atmosphäre: Nähe zu den Stammgästen, Originalität und Haidhauser

Kneipencharme. Getragen wird das von jener selbstironischen Mentalität bayerischer

Wirte, die Nähe zulässt, ohne sich anzubiedern. Der Wirt steht meist hinter der Theke. Er schenkt Bier aus, serviert Eierlikör oder

Weißwürste. Dabei bleibt er stehen, spricht mit den Gästen, hört zu. Manche verabreden

sich nicht im Johannis Café, sondern direkt bei ihm. Der Ort ist an seine Präsenz

gebunden. Das Café ist kein Durchgangslokal. Viele kommen allein und bleiben länger. Andere

treffen sich hier regelmäßig. Man sitzt an kleinen Tischen, spielt Karten, liest Zeitung

oder beobachtet. Die Gespräche sind leise oder laut, je nach Tisch. Die Einrichtung wirkt

unverändert. Wandbilder und Mobiliar stammen aus einer anderen Zeit. Nichts deutet

darauf hin, dass etwas erneuert werden müsste.

Die Gäste sind unterschiedlich. Alteingesessene Haidhauser sitzen neben Studenten,

Geschäftsleuten oder Menschen, die man nicht einordnen muss. Alter, Herkunft oder

Beruf spielen keine sichtbare Rolle. Man ist da, man trinkt, man bleibt. Für viele ist das

Johannis Café der letzte Ort nach Mitternacht. Für andere ist es ein fester Punkt im

Alltag. Was das Café ausmacht, ist nicht das Angebot, sondern seine Funktion. Es ist verlässlich.

Es ist offen. Es ist da, wenn andere Lokale schließen.Für mich war das Johannis Café gerade später am Abend, tief in der Nacht, oft ein Trost-

Platz: ein sicherer Hafen, wenn der Tag längst vorbei ist und man trotzdem noch nicht

nach Hause will. Das Publikum wird zwar spürbar immer jünger, doch der Charme – und

vor allem das Niveau der Gesprächsthemen – bleibt dennoch unverändert. Dieser urbane

Spirit, der im Raum liegt, macht die Einzigartigkeit aus: eine Mischung aus Gelassenheit,

Witz und menschlicher Wärme, die man nicht herstellen kann, sondern nur leben. Und

genau dafür empfinde ich Dankbarkeit gegenüber Olaf – praktisch kann er sich wahrer

König dieser einzigartigen Atmosphäre sehen.

The Johannis-Café has been a fixture in the neighbourhood for many years — the most dependable one of all.

On the wall of the Johannis-Café hangs a large portrait of the landlord. He is depicted as a king. Anyone who visits regularly will recognise in it a statement of self-understanding.

When regulars speak of 'Olaf's Coronation,' they are referring to the house's self-ironising mythology. Olaf Schmidt is spoken of as the 'king' of his bar — not crowned, but narrated into the role. The image itself — an oversized portrait in a regal pose — condenses this story into a recognisable symbol. With a wink, it simultaneously invokes the spirit of the original Bavarian landlord and the weight of local history.

What Olaf embodies, above all, is authenticity. And it is precisely this genuineness that makes him, without any ceremony, the true sovereign of a place that has kept its unmistakable character intact. The 'coronation' is less an event than a running commentary on the atmosphere: closeness to the regulars, an original spirit, and the particular charm of a Haidhausen pub. It is carried by that self-deprecating Bavarian landlord's mentality — one that allows intimacy without ever becoming sycophantic.

The landlord is usually found behind the bar. He pours beer, serves advocaat or Weißwürste. He stays on his feet, talks to the guests, listens. Some people don't arrange to meet at the Johannis-Café — they arrange to meet with him directly. The place is bound to his presence.

The café is not somewhere you pass through. Many come alone and stay a while. Others meet here regularly. People sit at small tables, play cards, read the paper, or simply watch. Conversations are quiet or loud depending on the table. The interior feels unchanged. The wall paintings and furniture belong to another era. Nothing suggests that anything needs to be renewed.

The guests are a mixed lot. Long-standing Haidhausen locals sit alongside students, businesspeople, and others you don't need to place. Age, background, and profession play no visible role. You're here, you drink, you stay.

For many, the Johannis-Café is the last place after midnight. For others, it is a fixed point in daily life. What defines the café is not what it offers, but what it does. It is reliable. It is open. It is there when other places have closed.

For me, the Johannis-Café was — especially late in the evening, deep into the night — often a place of comfort: a safe harbour when the day is long over and you still don't want to go home. The crowd has been getting noticeably younger, yet the charm — and above all the calibre of conversation — remains unchanged. It is the urban spirit that inhabits the room that makes it singular: a mixture of ease, wit, and human warmth that cannot be manufactured, only lived. And it is for exactly that reason that I feel grateful to Olaf — in every practical sense, he may consider himself the true king of this one-of-a-kind atmosphere.

Um 2005 haben wir ein kleines Periodikum herausgegeben, die Plaudertasse, mit Neuigkeiten aus dem Viertel, Interviews mit Nachbarn und Ähnlichem.

Frau Huber (Name geändert), in einer Seitengasse geboren, antwortete auf meine Frage, wie sie die Entwicklung von Haidhausen sehe, lakonisch:
„Haidhausen ist zu ruhig geworden.“

Recht hatte sie. Sie war damals Anfang 70, und unser Viertel wurde gerade von Familien entdeckt.

Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Was würde sie heute über Haidhausen sagen? Wie melancholisch wird man, wenn man den heutigen Anblick der Wörthstraße wahrnimmt. Selbst an kalten Tagen musste man sich früher hindurchdrängen, um durch die dicht stehenden Menschen zu kommen. Die Straße wimmelte so vor Leben.

Heute hält nur noch das Lollo Rosso heroisch die Stellung. Wer denkt nicht mit Schwermut an das NoMyYa, unseren beliebten „bairischen Japaner“, an das boomende Voilá, an Alessandro oder an den ständig vollen Inder?

Damals sah man keine traurigen Gestalten, die frierend vor der Tür stehen und gierig an einer Zigarette ziehen. Und die Frauen – sie hatten Biss, tranken Bier, wenn sie Lust darauf hatten, und sahen nicht aus, als wären sie gerade den Seiten der Vogue entstiegen, mit einem Glas bunten Inhalts in der Hand.

Tja. Haidhausen ist ruhig geworden. Eintönig.

Around 2005, we put out a small periodical — the Plaudertasse — with neighbourhood news, interviews with locals, and the like.

Frau Huber (name changed), born in a side street nearby, answered my question about how she saw Haidhausen's development with characteristic terseness: 'Haidhausen has become too quiet.'

She was right. She was in her early seventies at the time, and our neighbourhood was just being discovered by families.

Twenty years have passed since then. What would she say about Haidhausen today? How melancholy one feels, taking in the sight of Wörthstraße as it is now. Even on cold days, you used to have to push your way through — the street was that densely packed with people. It simply teemed with life.

Today, only the Lollo Rosso heroically holds its ground. Who doesn't think with a certain heaviness of the NoMyYa — our beloved 'Bavarian Japanese' — of the buzzing Voilá, of Alessandro, or of the Indian place that was always full?

Back then, you didn't see forlorn figures standing outside in the cold, hungrily pulling on a cigarette. And the women — they had edge, drank beer when they felt like it, and didn't look as though they had just stepped off the pages of Vogue, a glass of something colourful in hand.

Well. Haidhausen has gone quiet. Monotonous

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